Zur Begrüßung deeskalierend in die Fresse hauen -update-

Das scheint die aktuelle Strategie der NRW-Polizei und des Innenministeriums im Umgang mit Fußballfans zu sein.
Anders kann ich mir zumindest nicht die Schlagzeilen der letzten Tage erklären. Im Ruhrgebiet durchsucht die Polizei mehrere Wohnungen von Duisburger Ultras um Sprühflaschen sicherzustellen und meldet[1] mit stolz geschwellter Brust 30 Sprühdosen und 105 „Polenböller“ (vermutlich das Gleiche wie „Chinaböller“ oder „Böller“, klingt aber gefährlicher) sichergestellt zu haben. Man möchte dies auch als Zeichen dafür sehen, in den Stadien kein Feuerwerk zu tolerieren. Gut, der Zusammenhang zwischen Graffiti, Böllern (Wikipedia kennt leider keine Polenböller) und Feuerwerk erschließt sich vielleicht nicht unbedingt auf den ersten, zweiten, oder dritten Blick, aber die Polizei wird schon wissen, was sie da sagt.

Die Botschaft, die von dieser Aktion einen Tag vor dem Saisonauftakt ausgeht, ist jedoch glaskar: Ultras sind böse und gehören bekämpft.

Dazu passen auch die Äußerungen vom nordrheinwestfälischen Innenminister Jäger, der es schafft seine Meinung von „wir haben in NRW ganz wunderbare Ultra Fans“ (Gedächniszitat aus seiner Rede im Landtag im letzten Herbst) zu „gegen Nazis im Stadion braucht man nichts tun, wenn wir die Ultras los sind, gehen die von alleine nach Hause“[2] (in einem Interview mit der Welt kurz nachdem er, auf Anfrage der Piraten zugeben, musste V-Leute[3] gegen Ultras einzusetzen)

Hinzu kommen dann noch Geschichten, wie sie jetzt in meinem Heimatverein, dem Wuppertaler SV, vorgefallen sind. Zunächst verkündet[4] die neue Vereinsführung, dass man sämtliche Stadionverbote prüfen möchte, weil ungefähr 70% „zweifelhaft seien“ und fährt einen vorbildlichen Kurs zur Reintegrierung der SVler (von Anti-Aggressionstraining über Patenschaften bis hin zur Hilfe bei der Jobsuche soll das Programm gehen) und am nächsten Tag kommt die Nachricht, das erste Auswärtsspiel des WSV in Ratingen müsste eventuell verlegt werden, weil sich die ZIS um die Sicherheit der Besucher sorgt.[5] Ist ja auch verständlich, wer erinnert sich nicht an die Straßenschlachten die regelmäßig bei den Spielen zwischen Ratingen und Wuppertal getobt haben? (Antwort: Niemand, denn die gab es nicht) Man hat eh generell den Eindruck, als würden wir Wuppertaler als Hunnen 2.0 angesehen werden.[6] Da fühlt man sich direkt richtig willkommen in der neuen Liga und ich frage mich, ob das erste Pokalspiel gegen den Mülheimer Kreisligisten DJK BW Mintard wohl aus Sicherheitsgründen in die Stadien von Oberhausen, Essen oder Duisburg verlegt werden wird. Das hätte was, auch wenn es sehr lächerlich wäre.

Aber gut, dass die ZIS und gesunder Menschenverstand nicht immer Hand in Hand gehen ist auch nichts Neues und politisch so gewollt. Anders dürfte es nicht zu erklären sein, das der kürzlich gestellte Antrag der Piratenfraktion NRW die Zahlen der ZIS ein bisschen „wissenschaftlicher“ aufzubereiten, von IM Jäger mit den Worten „die ZIS hat nicht den Anspruch wissenschaftlich zu arbeiten“ abgelehnt wurde. Da passt auch wieder gut ins Bild, dass das Innenministerium auf die Frage, ob „es nicht sinnvoll sei, auch zu erfassen wie viele Fans für das, weswegen gegen sie ermittelt wird, auch verurteilt werden“ antwortet „Verurteilungen sind nur ein Beleg dafür, wie gut die Beweisführung der Täterschaft gelungen ist und damit kein geeigneter Maßstab für die Sicherheitslage.“[7]
Für das Innenministerium ist also jeder Fan an sich schon mal schuldig, und wenn er nicht verurteilt wird, heißt das nur, dass man nicht genug Beweise hatte. Da gewinnt man als Fan doch direkt Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit unserer Regierung.

Eigentlich sollte ich dann direkt noch über den FDP-Antrag schreiben, demnächst Fans direkt im Stadion von Staatsanwälten verurteilen zu lassen[8] (also nix mit Richter, Gerichtsverfahren, Anwalt oder so), oder darüber, dass die Polizei Daten von, natürlich nicht verurteilten, Fans völlig willkürlich an Vereine und DFB weitergibt, aber ich will mir die Laune vor dem Saisonauftakt nicht vollends verderben.

Nachtrag:
Hab ich jetzt, was die „Polenböller“ angeht, belehren lassen, damit sind wohl Böller gemeint, die wirklich eine andere Bauart als die Chinaböller haben und bauartbedingt noch mal deutlich gefährlicher sind. Ändert aber nichts daran, dass es lächerlich ist, aus der Anti-Sprayer Aktion ein Anti-Pyro-Exempel zu machen. Wenn es 105 Bengalos gewesen wären, ok. Aber so ist es billige populistische Meinungsmache.

[1] DerWesten.de – Hausdurchsuchungen in der Ultra-Szene des MSV Duisburg (Anmerkung: das auf dem Titelbild im Artikel ist kein Böller)
[2] Welt.de – Erobern Nazis die Stadien?
[3] Pressemitteilung der Piratenfraktion NRW – V-Leute im Fußball
[4] WZ-Newsline.de – Stadionverbote: WSV geht auf die Problemfans zu
[5] WZ-Newsline.de – Auflagen: Sicherheitsbedenken vor erstem WSV-Auswärtsspiel
[6] WSV-Spiel bereitet allen Klubs Sorgen
[7] Antwort auf die Nachfrage zu den Anfragen „Präzisierung der Zahlen über Gewalttäter im Zusammenhang mit Fußballspielen“ und „Bereichsbetretungsverbote im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen“ der Piratenfraktion NRW
[8] Antrag der FDP: Gegen Randalierer im Zusammenhang mit Fußballspielen konsequent vorgehen
[9] Spiegel.de – Kritik an Polizei: Fan-Anwälte nennen Weitergabe von Daten rechtswidrig

Ein Gedanke zu „Zur Begrüßung deeskalierend in die Fresse hauen -update-

  1. Pingback: Schuldig aus Mangel an Beweisen – sowas wie ein Rant über Medien, Polizei und imaginäre Gewalttäter | Piratennotizen

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