Schuldig aus Mangel an Beweisen – sowas wie ein Rant über Medien, Polizei und imaginäre Gewalttäter

Da tauchte auf einmal eine Zahl aus dem Nichts auf, von der keiner genau wusste, wie sie zustande kam und die mit anderen bekannten Zahlen nicht zusammen passte. Trotzdem stürzten sich einige wie die Irren auf sie und trugen sie vor sich her wie die Römer ihre Standarten.

Ich rede hier nicht von der magischen Grenze von 90% Staatsverschuldung, die die Wirtschaftspolitik der letzten paar Jahre geprägt hat und die letztlich nur dadurch entstand, dass jemand Excel nicht bedienen konnte.

Ich meine die angeblichen 300 gewaltbereiten Fans, die den Wuppertaler SV auswärts begleiten sollen.

Aufgekommen ist diese Zahl zuerst Ende Juli, als es darum ging, ob das erste Saisonspiel des WSV in Ratingen wird stattfinden können (siehe Zur Begrüßung deeskalierend in die Fresse hauen) und anfangs interessierte sich nur die lokale Sportpresse dafür.
Als dann nicht nur das Spiel in Ratingen, sondern auch die Spiele in Hönnepel-Niedermörnter, beim VfL Rhede, Wesel und das Pokalspiel gegen den Mülheimer Kreisligisten DJK Blau Weiß Mintard verschoben wurden sind nach und nach immer mehr Leute aus der schreibenden Zunft auf das Thema aufmerksam geworden, bis zu guter Letzt sogar die DPA eine Meldung rausgehauen hat. (Anmerkung am Rande: es ist für den Kicker als „Fachblatt“ schon ein ganz besonderes Armutszeugnis, dass die eine DPA Meldung brauchten, um das Thema aufzugreifen)

Von einigen wenigen positiven Beispielen außerhalb der lokalen Pressen (z.B. im Spiegel oder in der Süddeutschen (Artikel leider nicht online gefunden)) abgesehen wurde die Zahl 300 leider kaum angezweifelt und häufig haben die Vertreter der schreibenden Zunft einfach ihre Fantasie bemüht, um die Meldung noch etwas auszuschmücken. So war es keine Seltenheit, dass die nicht vorhandenen Krawallbilder Wuppertaler Fans mit denen anderer Vereine „symbolisiert“ wurden (Express, Bocholter Borkener Volksblatt, die das Bild aber beide mittlerweile ersetzt haben) oder die Häufig- & Heftigkeit der angeblichen Ausschreitungen stark übertrieben wurden. DerWesten.de schreibt z.B. von „immer wieder kehrenden massiven Ausschreitungen“ von WSV-Fans, sodass jemand der nicht zum Fußball fährt, den Eindruck bekommen muss, ein WSV-Auswärtsspiel würde ablaufen wie eine Straßenschlacht in Istanbul oder Kairo. Das steht übrigens im selben „derWesten“, der beim letzten Vorfall beim WSV Spiel gegen Essen noch von ~30 Beteiligten sprach. Man hätte also die korrekteren Infos schon im Haus gehabt und nur das Archiv bemühen müssen (wobei über den Vorfall auch nicht sachlich korrekt berichtet wurde, weswegen ich hier auf einen Link verzichte, aber die Zahl 30 ist zumindest näher an der Realität als 300).

Dabei wäre dies eine gute Gelegenheit gewesen, etwas journalistische Sorgfaltspflicht walten zu lassen und die Zahl nicht einfach als gegeben hinzunehmen. Der Vorstand des WSV hat ja ein paar Hinweise frei Haus geliefert. So hätte es einem merkwürdig vorkommen können, dass man bei einem normalen 5.Ligaspiel (ohne besondere Historie) mit mehr gewaltbereiten Fans rechnet, als bei einem Zweitligaderby, dass das erste mal seit 15 Jahren stattfindet und auf das beide Seiten seit Wochen hinfiebern. Oder dass der WSV in der Oberliga auf einmal doppelt so viele Leute zu einem Dorfverein mitbringen soll, wie 4 Monate vorher (eine Liga höher!) zum absoluten „Erzfeind“ gefahren sind. Oder es hätte die Redakteure stutzig machen können, dass es keine griffbereiten Bilder von den Randalen der 300 gewaltbereiten Wuppertaler gibt oder oder oder…

Da wo selber recherchiert wurde, war das Ergebnis durchaus lesenswert.
Der Spiegel hat es geschafft die Info rauszukitzeln wie viele Wuppertaler Kategorie B und wie viele Kategorie C sein sollen. Laut den Informationen sind es 200 Kategorie B (im Zweifel „gewaltbereit“) und 100 C-ler (gewaltsuchend), die eine Schneise der Verwüstung bei Auswärtsspielen hinterlassen. Stimmt diese Zahl, dann stellte der WSV 50% der Kategorie C und 25% der Kategorie B Fans der letzten Regionalliga West Saison. Was natürlich total realistisch ist, wenn sich in der Liga noch andere Traditionsvereine mit ähnlichem oder größerem Fanaufkommen tummeln, deren Bundesligazeiten weniger lang her sind.

Funfact am Rande: die Zahl welcher Verein wie viele B & C Fans hat wird eigentlich von der Polizei geheim gehalten, damit man keinen Wettbewerb zwischen den Fanszenen entfacht. Zumindest war das die Begründung, weswegen die Piratenfraktion NRW die Zahl bislang nicht offiziell erhalten hat. Der Presse darüber Auskunft zu geben und sie gewählten Volksvertretern, deren Aufgabe es als Opposition ist genau solche Fehlentwicklungen aufzudecken, zu verweigern ist schon ein starkes Stück. PR scheint für manchen Verantwortlichen im Innenministerium wichtiger zu sein als demokratische Grundregeln. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie die Antwort auf die Anfrage, ob die Zahlen, die der Presse genannt wurden, stimmen, ausfällt. Jetzt zu sagen „sagen wir nicht“, „wissen wir nicht“ oder „wollen wir gar nicht wissen“ dürfte die Glaubwürdigkeit der Behörde (zu Recht!) endgültig zerstören.

Total toll sind übrigens auch die Ansichten der Polizei, wie man die Wuppertaler Horden kontrollieren könnte. Dem VfL Rhede wurde aufgetragen seine Anlage, auf der vor Kurzem noch 1500 Uerdinger oder 4000 Düsseldorfer problemlos untergekommen sind um einen, 2 Meter hohen, einbetonierten, Zaun zu erweitern. Als der Verein dann vorschlug stattdessen eine 140 Meter lange Kette bestehend aus professionellen Ordnern zu organisieren, die statt 10.000€ nur 5.000€ gekostet hätte, war die Antwort der Polizei zu unsicher.
Spätestens jetzt entwickelt man auch als friedlicher WSV-Fan, der höchstens zur sprachlichen Gewalt neigt, Aggressionen auf den ganzen Zirkus, der da veranstaltet wird.

Keine 2 Tage später kommt die Rolle rückwärts der Behörden. Was vor zwei Tagen noch viel zu unsicher war, soll jetzt auf einmal „auf Bewährung“ funktionieren. Man müsse jetzt die Fanszene intensiv beobachten und betreuen und nach 3 Spielen schaut man, ob sich die Zahl der Toten in Grenzen hält ob alles schon friedlich geblieben ist.
Und jetzt sollen am besten alle WSV-Fans aus Dankbarkeit zum Innenministerium pilgern, es mit Blumen schmücken und versprechen, dass sie ab jetzt ganz brav sind und keine Dörfer mehr in Schutt und Asche legen.
Sorry liebes Innenministerium, aber so billig geht das nicht. Bewährung bekommt man nachdem man für etwas schuldig gesprochen wurde. Und es gab bis heute nicht einen einzigen Beleg, nichtmals ansatzweise, dass die Befürchtungen auch nur ansatzweise gerechtfertigt waren. Jetzt so zu tun als würden die ganzen Vorwürfe ja zutreffen, aber man ist mal großzügig und gibt einen Vertrauensvorschuss, ist einfach nur billige Propaganda.
Die geforderte intensive Betreuung der eigenen Fanszene gibt es längst. Der Verein hat bereits vor dem ganzen Theater mit allen bekannten „auffälligen“ Fans (bei weitem keine 300 und von denen soweit ich weiß auch keiner irgendwelche Dörfer zerstören wollte) Kontakt aufgenommen, mit jedem der dazu bereit war gesprochen und diesen die Chance gegeben sich wieder in die Fanszene zu integrieren.

Wenn man jetzt nach den nächsten 3 Auswärtsspielen Bilanz zieht und feststellt, dass alles friedlich geblieben ist, dann ist das nicht geschehen weil die Behörden so gehandelt haben, wie sie gehandelt haben, sondern trotz des Handelns der Behörden.

Ich finde die Sache ist noch lange nicht ausgestanden und ich wünsche mir, dass diejenigen die diese katastrophale Fehleinschätzung zu verantworten haben auch die Verantwortung für die Folgen tragen müssen.
Ein paar Beispiele für die Folgen?
– massiver Schaden am Ruf des Wuppertaler SV und der Stadt Wuppertal
– dadurch entstehender finanzieller Schaden beim Wuppertaler SV, weil sich Sponsoren jetzt natürlich erst mal zurückhalten
– Stigmatisierung und Vorverurteilung aller WSV Fans (ich möchte nicht wissen, wie viele Leute sich dank des Versagens der ZIS jetzt in ihrem Bekanntenkreis dafür rechtfertigen mussten zu so einem „Gewaltverein“ zu gehen)
– Erschwerung der Arbeit der Polizei durch falsche Gefahrenprognosen
– massiver finanzieller Schaden für den Steuerzahler durch völlig überhöhten Einsatz von Polizeikräften (jeder WSV Fan kennt die Situation, dass man mit 80 Mann auswärts am Bahnhof ankommt und von 2 Hundertschaften begrüßt wird, denen 120 Gewalttäter angekündigt wurden)
– Vertrauensverlust in die Polizei seitens der Fans (wobei man da langsam beim absoluten Nullpunkt angekommen sein dürfte)
– dadurch Vertrauensverlust in den Rechtsstaat
– massive Wettbewerbsverzerrung durch die Spielabsagen

Und da ist es mir völlig egal, ob dies aus Unfähigkeit (wie der anfangs genannte Excelfehler) oder Eigennutz (eigene Planstelle sichern indem man falsche Zahlen meldet) oder Boshaftigkeit („Wie? Der Verein hebt einfach Stadionverbote auf? Das wollen wir ja mal sehen!“) geschehen ist.

Wenn die Verantwortlichen nicht willens sind, Konsequenzen zu ziehen, sollte man überlegen, ob man da nicht nachhelfen kann. Mir fallen da z.B. Dienstaufsichtsbeschwerden, weiteren parlamentarischen Anfragen oder anderen rechtlichen Schritte (Stichwort „Rufmord“) ein.

Aber selbst wenn man sich im Nachhinein erfolgreich wehrt, wird das den Schaden den die Polizei angerichtet hat nicht wieder gut machen und der Wuppertaler SV und seine Fans werden die nächsten Jahre mit dem Stigma der extremen Gewaltbereitschaft leben müssen. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits in den Meldungen über den „Kompromiss im Innenministerium“, in denen die Mär der Gewaltbereiten Fans auf Bewährung kritiklos übernommen wird.
Und auch die WDR-Lokalzeit entblödet sich in ihrer Anmoderation nicht von „diesen Fans, die den Verein geschadet haben“ (Fans für deren Existenz weiterhin jeder Nachweis fehlt) und „Konsequenzen aus gewalttätigen Ausschreitungen“ (Ausschreitungen die es wie gesagt ebenfalls nicht gab) zu sprechen (Achtung: die unterirdische Anmoderation erscheint nur, wenn man selber zur Minute 3:35 scrollt. Wenn man auf den Link zum WSV Beitrag klickt, wird sie übersprungen). Dass es auch anders geht, zeigen übrigens Radio Wuppertal und der „große“ WDR (Link), die nämlich beide darauf eingehen, dass von der 300 auf einmal keiner mehr sprechen möchte.

Ich freue mich dann schonmal auf Auswärtsfahrten unter dem Motto „ist der Ruf er ruiniert“, mit einer Fan zu Polizei Quote von 1:4, statt wie bislang 1:1 bis 1:1,5.

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